Brad Mehldau in 7 Alben

Brad Mehldau feierte vor kurzem seinen 50. Geburtstag. Anlass genug, das vielseitige musikalische Schaffen eines der einflussreichsten Jazz Pianisten unserer Zeit genauer unter die Lupe zu nehmen.

7 Alben von Brad Mehldau nebeneinander aufgestellt, die für mich besonders prägend waren.

Obwohl mich seine Musik mittlerweile schon seit vielen Jahren begleitet, entdecke ich immer wieder neue Facetten an seinen Kompositionen und Improvisationen, die mich faszinieren und begeistern. In diesem Artikel habe ich 7 Alben aus seinem umfangreichen Schaffen herausgegriffen, die für mich persönlich besonders prägend waren. Ich hoffe, dass diese subjektive Liste sowohl einen Einstieg für Mehldau – Ersthörer*innen bieten kann als auch Entdeckungen für Kenner*innen seiner Diskographie bereit hält.

The Art of the Trio III – Songs (1998)

Der Titel zeugt von einer gesunden Portion Selbstbewusstsein, doch tatsächlich haben die Trio-Aufnahmen von Brad Mehldau, Bassist Larry Grenadier und  Schlagzeuger Jorge Rossy für Viele das Zusammenspiel des klassischen Jazz-Trios neu definiert. Auf diesem Album sind bereits alle wesentlichen Zutaten von Mehldaus musikalischen Einflüssen und Vorlieben vertreten: Neben Jazzstandards („Bewitched, Bothered and Bewildered“ , „For All We Know“ und „Young at Heart“) sind das Kompositionen von Mehldau, die von klassischer Musik, insbesondere der Harmonik der deutschen Romantik beeinflusst sind. Außerdem sind Versionen von zwei Popsongs („River Man“ von Nick Drake und „Exit Music“ von Radiohead) auf diesem Album zu hören. Die Übertragung von Popsongs ins Jazzidiom wird eine weitere wesentliche Säule in Mehldaus Musik werden. 

Ideal als Einstieg um Mehldau im Trio in all seinen Facetten – Jazzstandards, neue Kompositionen und Jazz Versionen von Popsongs - (Nick Drake, Radiohead) kennen zu lernen.

Lieblingssong

„Song-Song“ ist wesentlich reduzierter, direkter und leichter zugänglich als Mehldaus frühere Kompositionen. Wenn ich das Stück höre, stelle ich mir immer Johannes Brahms vor, der sich in einen New Yorker Jazz Club verirrt zu haben scheint.

„Song-Song“ auf Youtube

Highway Rider (2010)

Dieses Doppel-Album besticht durch seinen breit angelegten erzählerischen Bogen. Die Titel schildern eine Geschichte die von Aufbruch („At the Tollbooth“), Herausforderungen („Now You Must Climb Alone“, „Walking the Peak“, „We’ll Cross the River Together“) und Rückkehr („Always Returning“) handeln. Besetzungsmäßig schöpft Mehldau in dieser Suite die ganze Bandbreite von Solo Piano, über Duo und Trio bis hin zum Kammerorchester aus. Das Ganze wird durch ein gemeinsames musikalisches Ausgangsmaterial (melodisch, harmonisch) zusammengehalten. Mehldau beruft sich für diese Techniken auf klassische Vorbilder wie beispielsweise Beethoven. Auf dem von John Brion (u.a. Produzent von Rufus Wainwright, Kayne West und Filmmusik-Komponist) produzierten Album werden der Saxophonist Joshua Redman und Schlagzeuger Matt Chamberlain (u.a. David Bowie, Elton John) gefeatured. 

Ein musikalisches Road-Movie zwischen orchestralen Klang, poppigen Grooves und Improvisation.

Lieblingssong

„Sky Turning Grey (For Ellioth Smith)“ eine Hommage an den früh verstorbenen Singer-Songwriter Ellioth Smith, musikalisch am nächsten zu einem echten Popsong, jedoch mit einem Mehldau-typischen Klaviersolo.

„Sky Turning Grey (For Ellioth Smith)“ auf Youtube

Live in Marciac (2011)

Dieses Album ist eine Live-Aufnahme eines Solokonzerts im Rahmen des Festivals „Jazz in Marciac“. Wer hören will, wie sich Mehldau im Genre Solo Piano frei bewegt und die große Vielfalt dieses Instruments auslotet, dem sei dieses Album besonders an Herz gelegt. In einem für Mehldau typischen Set (Jazz Standards, Eigenes, Versionen von Popsongs) kommt es immer wieder zu kontrapunktischen Passagen, bei denen Mehldau seine Virtuosität und Unabhängigkeit der beiden Hände eindrucksvoll unter Beweis stellt. Teilweise möchte man fast glauben, dass hier zwei Pianisten gleichzeitig am Spielen sind. Daneben wirken die ruhigen Momente, wie in den Balladen „Secret Love“ und „Lilac Wine“ besonders stark. Besonders bemerkenswert: Der Klassiker „My Favorite Things“ (The Sound of Music) wurde hier von Mehldau erstmals solistisch gespielt und wird in weiterer Folge zu einem fixen Bestandteil in seinen Konzerten.

Gehört meiner Meinung nach mit zum Spektakulärsten, was das Solo Piano Format zu bieten hat, bietet aber auch introvertierte, berührende Momente. 

Lieblingssong

„Lilac Wine“, ein Song den man vielleicht aus Cover Versionen von Nina Simone oder Jeff Buckley kennt – hat mich in Mehldaus Version bereits beim ersten Mal Hören sofort berührt.

„Lilac Wine“ auf Youtube

Ode (2012)

„Ode“ besteht ausschließlich aus Mehldaus Kompositionen und wurde im Trio mit Bassist Larry Grenadier und Schlagzeuger Jeff Ballard aufgenommen. Die meisten Songs sind Hommagen an prägende Menschen in seinem Leben: für die Musiker Michael Brecker („M.B.“) und Kurt Rosenwinkel („Kurt Vibe“), seine Frau („Twiggy“), seinen Sohn („Days of Dilbert Delaney”) und fiktive Charaktere („Eulogy for George Hanson”, „Aquaman”). Eine sehr kompakte, abwechslungsreiche Sammlung musikalischer Porträts von einem spielfreudigen Trio.

Ein Album, dass auf mich einen sehr leichtfüßigen, auch teilweise (selbst)ironischen Eindruck hinterlässt und genau dadurch erfrischend zu hören ist. 

Lieblingssong

„Aquaman“ geschrieben für eine Zeichentrickfigur, deren Serie Mehldau als Kind im TV anschaute – rasant, witzig, spielerisch!

„Aquaman“ auf Youtube

Blues and Ballads (2016)

Vielleicht ist dieses Trio-Album jenes mit Mehldaus traditionellster Songauswahl: Vier Jazz Standards, eine Beatles Ballade und zwei zeitgenössische Songs. Trotzdem schätze ich das Album gerade wegen seiner unaufgeregten, in sich ruhenden, Stimmung besonders. Jeder Song hat einen sehr schlüssigen dramaturgischen Bogen und daher verliert man auch bei den Songs mit verhältnismäßig langen Spielzeiten von bis zu 10 Minuten nie den Faden („Since I Fell for You“, „And I Love Her“, „My Valentine“ ).

Auch dieses Album eignet sich hervorragend als Einstieg, da die Musik hier jederzeit leicht zugänglich aber dennoch nie oberflächlich ist.

Lieblingssong

„My Valentine“ die Ballade von Paul McCartney, ganz ohne Kitsch, stimmungsvoll – der perfekte Late-Night-Soundtrack.

„My Valentine“ auf Youtube

Chris Thile & Brad Mehldau (2017)

Eine unglaublich spannende Zusammenarbeit mit dem Mandolinisten Chris Thile, einem der ganz Großen der US-Country und -Folk Szene. Wie diese beiden Ausnahmekünstler hier gemeinsam Songs von Joni Mitchell, Bob Dylan, Ellioth Smith und eigenen Songs interpretieren ist mehr als überzeugend. Klavier und Mandoline kommen sich nie in die Quere, sondern ergänzen einander perfekt. Spannend ist auch, welche unterschiedlichen Funktionen (Percussion, Bass, Chords, Melodie) die beiden Instrumente abwechselnd einnehmen können. Die gegenseitige Wertschätzung der beiden Musiker ist in jedem Moment spürbar und ist die Grundlage dafür, dass dieses Experiment so geglückt ist. Extra Plus: beim Song „Scarlet Town“ ist Mehldau erstmals auch singend zu hören! 

Interessantes Repertoire in ungewöhnlicher Instrumenten-Kombination, stilistisch irgendwo zwischen Jazz, Pop und Folk.

Lieblingssong

„Don’t Think Twice, It’s All Right“ eine Version des Bob Dylans Songs, die für mich besonders den Spaß an dieser Zusammenarbeit hörbar macht.

„Don’t Think Twice, It’s All Right“ auf Youtube

Suite: April 2020 (2020)

Wie der Titel dieses Solo-Albums schon vermuten lässt, dokumentiert Mehldau hier seine Gefühlslagen und Erfahrungen während des Lockdowns auf musikalische Art und Weise. 12 Miniaturen werden zu einer Suite zusammengefasst. Hier geht es nicht um ausufernde Improvisationen, sondern um kompakte Kompositionen. In maximal 1-3 Minuten bringt er seine Erfahrungen musikalisch auf den Punkt („waiting“, „the day moves by“, „keeping distance“, usw.). Auch positive Emotionen haben hier Platz („family harmony“, „in the kitchen“).

Hier geht es um reduzierte, kompakte emotionale Blitzlichter aus dem Lockdown – gerade wegen seiner Aktualität bestechend und berührend!

Lieblingssong

„remembering before all this“ ein Gefühl, dass ich nur allzu gut nachempfinden konnte, verpackt in Musik, die diese Stimmung trefflich einfängt.

„remembering before all this“ auf Youtube

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